Die Stimmen von Marrakesch by Canetti Elias

Die Stimmen von Marrakesch by Canetti Elias

Author:Canetti, Elias
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3-596-22103-X
Publisher: Fischer
Published: 1982-11-05T16:00:00+00:00


ERZÄHLER UND SCHREIBER

Am meisten Zulauf haben die Erzähler. Um sie bilden sich die dichtesten und auch die beständigsten Kreise von Menschen. Ihre Darbietungen dauern lange, in einem inneren Ringe hocken sich die Zuhörer auf den Boden nieder und sie erheben sich nicht so bald wieder. Andere bilden stehend einen äußeren Ring; auch sie bewegen sich kaum, sie hängen fasziniert an Worten und Gesten des Erzählers. Manchmal sind es zwei, die abwechselnd rezitieren. Ihre Worte kommen von weiter her und bleiben länger in der Luft hängen als die gewöhnlicher Menschen. Ich verstand nichts und doch blieb ich in ihrer Hörweite immer gleich gebannt stehen. Es waren Worte ohne jede Bedeutung für mich, mit Wucht und Feuer hervorgestoßen: Sie waren dem Manne kostbar, der sie sagte, er war stolz auf sie. Er ordnete sie nach einem Rhythmus an, der mir immer sehr persönlich schien. Wenn er stockte, kam dann das Folgende um so kraftvoller und gehobener hervor. Ich konnte die Feierlichkeit mancher Worte spüren und die heimtückische Absicht anderer. Von Schmeicheleien war ich angetan, als hätten sie mir selbst gegolten; ich fürchtete mich in Gefahren. Alles war gebändigt, die mächtigsten Worte flogen genau so weit, wie der Erzähler wollte. Die Luft über den Zuhörern war voller Bewegung; und einer, der so wenig verstand wie ich, fühlte das Leben zu Häupten der Hörer. Ihren Worten zu Ehren waren die Erzähler auf eine auffallende Weise gekleidet. Ihre Tracht unterschied sich immer von jener der Hörer. Sie zogen prächtigere Stoffe vor; einer oder der andere trat in blauem oder braunem Samte auf. Sie wirkten wie hohe, aber märchenhafte Persönlichkeiten. Für die Menschen, von denen sie umgeben waren, hatten sie selten einen Blick. Sie blickten auf ihre Helden und Figuren. Wenn ihr Auge auf jemand fiel, der ganz gewöhnlich da war, mußte dieser sich dunkel wie jemand anderer vorkommen. Fremde waren für sie überhaupt nicht da, sie gehörten nicht in das Reich ihrer Worte. Anfangs wollte ich gar nicht glauben, daß ich sie so wenig interessiere, es war zu ungewohnt, um wahr zu sein. So blieb ich denn besonders lange stehen, als es mich schon zu anderen Lauten dieses an Lauten überreichen Platzes hinzog, aber man beachtete mich auch dann nicht, als ich mich in der großen Runde schon beinah heimisch zu fühlen begann. Der Erzähler hatte mich natürlich bemerkt, aber für ihn blieb ich ein Fremder in seinem Zauberkreise, denn ich verstand ihn nicht. Oft hätte ich viel darum gegeben zu verstehen, und ich hoffe, der Tag wird kommen, da ich diese fahrenden Erzähler so würdigen kann, wie es ihnen gebührt. Aber ich war auch froh, daß ich sie nicht verstand. Sie blieben für mich eine Enklave alten und unberührten Lebens. Ihre Sprache war ihnen so wichtig wie mir meine. Worte waren ihre Nahrung und sie ließen sich von niemand dazu verführen, sie gegen eine bessere Nahrung zu vertauschen. Ich war stolz auf die Macht des Erzählens, die sie über ihre Sprachgenossen ausübten. Sie erschienen wie ältere und bessere Brüder von mir. In glücklichen Augenblicken



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